19.7.2005 aufwendig
Dass Sie sich so sehr über das Wort aufwändig
aufhalten, kann ich nicht ganz verstehen. Man kann doch in guten Treuen hier aufwendig wie aufwändig vernünftig finden.
M. T.
Sehr geehrter Herr T.,
manche der reformierten Schreibweisen sind Symbole, handliche Beweise
dafür, dass „man“ fortschrittlich ist. In Deutschland erfüllt diese Funktion
die „neue“, in Wirklichkeit alte Heysesche s-Regel. In fast jedem Text kommt
das Wort dass (herkömmlich: daß) vor; mit der Schreibweise dass kann der Schreiber leicht und rasch
signalisieren, dass er fortschrittlich und der Text in reformierter
Schreibweise gehalten ist (oder besser vorgibt, gehalten zu sein, denn sehr
häufig hapert es mit den übrigen reformierten Schreibweisen im gleichen Text).
In der Schweiz erfüllt diese Funktion ganz offensichtlich das Wörtchen aufwändig. Was ist dagegen einzuwenden?
Im 19. Jahrhundert gab es in vielen Fällen noch schwankende
Schreibweisen für e/ä: die Ältern/Eltern, ämsig/emsig, Ärmel/Ermel
u. a. 1901 hat man die Schreibweisen festgelegt, darunter auch aufwendig. Ausschlaggebend war wohl der
überwiegende Sprachgebrauch, aber auch die auf der Hand liegende sogenannte
Reihenbildung mit auswendig, notwendig usw.
Niemand hat sich seither daran gestört, alle schrieben ganz
selbstverständlich die festgelegten Schreibweisen. Dann kamen die Reformer,
genauer gesagt der Reformer Augst, und pickten sich willkürlich und mit
abenteuerlichen Begründungen einige Wörter heraus und änderten sie auf ä: Stängel,
Gämse, Quäntchen, einbläuen, behände, belämmert u. a. Es ist überliefert,
dass sich die anderen Mitglieder der damaligen Zwischenstaatlichen Kommission
hinter Augsts Rücken lustig über diese Volksetymologie machten.
Bei aufwendig hatten sie
immerhin noch genügend Bedenken und liessen beide Formen gelten – von Anfang
an, nicht wie bei anderen, erst im Jahre 2000 (aufsehenerregend) oder 2004 (darunterfallen,
sogenannt) wieder eingeführten Formen: aufwendig
(von aufwenden) / aufwändig (von Aufwand).
Dagegen sind mindestens vier schwerwiegende Gründe anzuführen, deren
jeder einzelne genügen müsste, bei der herkömmlichen Schreibweise aufwendig zu bleiben:
1.
aufwendig ist genauso von aufwenden abgeleitet wie wendig
von wenden. Das Verb ist die
Hauptwortart. aufwendig ist 100 bis
200 Jahre älter als Aufwand. Dieses
ist im 18. Jh. als Kurzform von Aufwendung gebildet worden, es handelt sich um
eine Wortfamilie mit dem Stamm wenden,
belegt seit dem 16. Jh. (aufwenden,
abwenden, einwenden, entwenden, anwenden, verwenden, zuwenden usw.). (Duden
Band 7, 2001) Man sollte aufwendig
deshalb nicht künstlich von Aufwand ableiten.
2.
Man
sollte nicht ohne sehr wichtigen Grund vertraute Wortbilder verändern. Einen
solchen wichtigen Grund gibt es hier keinesfalls, die Schreibweise aufwendig war vor der Reform vollständig
akzeptiert und passt in die Reihe
notwendig, auswendig usw.
3.
Die
auf ä veränderten Formen sind völlig
willkürlich herausgepickt. Wäre man konsequent, müsste man auch belägt (von Belag), dänken (von Gedanken), die Ädlen (von Adel), Spängler (von Spange), käntern (von Kante),
mässen (von Mass), sätzen (von Satz), frässen (von Frass), Kräbs (von krabbeln)
und Dutzende, wenn nicht Hunderte weiterer Wörter verändern (oder die ä-Form ebenfalls zulassen), darunter
natürlich auch Aufwändungen und aufwänden.
4.
aufwändig führt zu falschen Analogiebildungen wie Aufwändungen, auswändig, inwändig, notwändig (findet sich bereits zuhauf im Web
mit Hilfe von Google): „Dies bei Aufwändungen
von rund 4,360 Millionen Franken.“ (BZ vom 7.7.2005)
Peter Müller